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Die Zeiten, Russland zu bereisen, waren schon Mal besser, würde man meinen. Seit Anfang des Jahres beobachten wir die Entwicklungen und waren natürlich nicht begeistert. Durch die Ukraine wären wir auch definitiv nicht gefahren. In den letzten Monaten und gerade in dieser Woche spitzt sich die Lage ja sogar nochmal zu. Das hat bei uns schon für etwas Skepsis gesorgt. Wir stellten uns die Frage, wie wird man uns als Deutsche begegnen. Jetzt können wir keinen Vergleich zu vor einem oder zwei Jahren ziehen, wir können jedoch nicht feststellen, dass uns jemand unfreundlich begegnet. Alle sind meist freundlich und nett zu uns und bemühen sich, die Sprachbarriere zu überwinden, wobei man freundlich nicht mit herzlich verwechseln darf. Eher höflich reserviert, ohne das in südlicheren Ländern obligatorische Lächeln im Gesicht, was aber eher eine Frage der Mentalität denn der weltpolitischen Lage ist. In Jekaterinburg hat beispielsweise in einem Museum, wo alles nur auf russisch beschrieben war, die Frau am Schalter die einzig Englisch sprechende Mitarbeiterin ausfindig gemacht, die uns dann sogar angeboten hat, die Bildbeschreibungen auf Englisch zuzuschicken. Das haben wir dann doch höflich abgelehnt. Oder bei der Ankunft in Jekaterinburg hat unser Mitfahrer, der aus Jekaterinburg stammt, uns zur U-Bahn begleitet, mit uns das Ticket gekauft und den Weg zu unserem Hotel beschrieben. Und das mit einer Hand voll englischer Worte. 

Russland wirkt auf uns nicht von der Welt abgeschottet, wie es ja noch vor zwei Jahrzehnten gewesen ist. Es gibt alles zu kaufen, was es bei uns auch gibt. Restaurants bieten Essen nicht nur aus allen ehemaligen Sowjetrepubliken. Weit verbreitet sind englische Pubs, italienische Restaurants, japanische Sushi-Restaurants oder asiatische Schnellimbisse. Gegenüber des Bahnhofs von Jekaterinburg  hat uns auch gleich der Ratskeller der Stadt begrüßt. Berliner Weiße und Paulaner stehen neben Bieren aus aller Welt in jedem größeren Supermarkt. Die Auswahl an Lebensmittel und die Menge exquisiter Delikatessen übertrifft oft das in Deutschland durchschnittliche Ausmaß. Deutsche und japanische Autos dominieren neben russischen die Straßen. Auch kulturell wirkt Russland als Teil der "Weltgemeinschaft". In besagtem Museum in Jekaterinburg war eine in den USA entwickelte und in vielen Städten schon gezeigte Ausstellung über die Ureinwohner Amerikas zu sehen. In Irkutsk gibt es regelmäßig Orgelkonzerte klassischer Komponisten. Englische Songs und englische Werbung sind selbstverständlicher Teil des Straßenbildes. Die Dominanz amerikanischer Fastfood-Läden wie McDonald's, Subway oder Kentucky ist schon fast erschreckend. 

Nach unserem Eindruck, und dieser ist natürlich höchst subjektiv, überwiegen die Gemeinsamkeiten zwischen Russland und Westeuropa. Und dies ist eher eine Bewegung von unten, also von den Menschen aus, denn eine von oben gesteuerte. Doch zurück zur Weltpolitik. Diese enge Verflechtung macht Sanktionen für die Bevölkerung damit auch direkt spürbar. Ob sich der daraus entstehende Unmut allerdings gegen die eigene Regierung oder gegen andere Staaten wendet, kann nur spekuliert werden. Den Nationalstolz erleben wir jedenfalls als sehr ausgeprägt. Damit beinhalten Sanktionen eine enorme Gefahr für das Verhältnis der betroffenen Staaten und der darin lebenden Menschen, womit wir wieder bei der Skepsis vom Beginn des Artikels wären. Die Zeiten, Russland zu bereisen, würden sich wahrscheinlich verschlechtern. Die Frage ist nur, was ist die Alternative?

Wir waren heute morgen überrascht, wie schick die Kinder hier in Irkutsk gekleidet sind. Kleine Jungs trugen festliche Anzüge inkl. Krawatte, Mädchen hatten hübsche Kleider an und das Haar aufwändig geschmückt. Da haben wir überlegt und kombiniert: es handelt sich offensichtlich um den ersten Schultag. Der Tag ist wie bei uns auch in Russland ein Fest. Die Kinder bringen Blumen mit in die Schule und feiern am Nachmittag mit der Familie. Gerade sitzen wir am Baikalsee auf der Terrasse eines Cafés. Drinnen feiert eine Familie den Schulbeginn der Tochter.

An normalen Tagen unterscheidet sich der Dresscode in den Städten, die wir bisher besucht haben, kaum von deutschen Städten. Oder anders gesagt, wir fallen hier überhaupt nicht durch unsere Kleidung auf, werden häufig auf russisch angesprochen und beispielsweise nach dem Weg gefragt. Wenn wir zu erkennen geben, dass wir kein russisch verstehen, sprechen viele trotzdem weiterhin russisch mit uns. Englisch ist auch in Hotels oder Restaurants nur sehr spärlich anzutreffen. Es reicht zum Bestellen, zum Ordern der Rechnung, das wars aber auch schon.

Auch 90 Jahre nach seinem Tod ist Lenin in Russland immer noch sehr präsent. Sowohl in Moskau, Jekaterinburg und Irkutsk ist je eine der größten Statuen diejenige von Lenin. Bedeutende Plätze sind nach ihm benannt. Das Lenin-Mausoleum in Moskau ist jedoch wegen eines Militärfestivals derzeit nicht öffentlich zugänglich.

56 Stunden im Zug von Jekaterinburg nach Irkutsk - das ist so wie ein komplettes Wochenende daheim auf dem Sofa chillen. Wir haben tatsächlich 3 Nächte und 2 Tage im Zug verbracht und uns doch kein bisschen gelangweilt. Da der Zug nicht ausgebucht war, hatten wir die ganze Fahrt ein Abteil für uns, das nach und nach zu einem gemütlichen Wohnzimmer wurde. Wir hatten uns bei dem leckeren Supermarkt  mit Köstlichkeiten eingedeckt und diesmal nicht zum Knoblauch-Baguette gegriffen. So strukturierten die Mahlzeiten unsere Tage. Mittags wurden wir sogar mit einem warmen Mittagessen aus dem Bordrestaurant versorgt, das in unserem Ticketpreis enthalten war. Wie haben wir die Zeit verbracht? Karten spielen, lesen, Karten spielen, essen, lesen, ... Zwischendurch haben wir uns neue Canasta-Regeln ausgedacht und natürlich die Weite Sibiriens bewundert. Unten seht ihr eine kleine Auswahl. Der Kontakt mit den Mitreisenden ist aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse eher schwierig. Und abgesehen von zwei Holländerinnen, die an Konversation auch nich sonderlich interessiert waren, haben wir keine anderen Touris entdeckt. In Irkutsk angekommen, ein Dusche und frische Klamotten später, erkunden wir nun die schönste Stadt Sibiriens. 

Eine glückliche Kuh auf einem Tetrapack abgebildet, daneben eine Milchkanne - so einfach kann Einkaufen ohne Sprachkenntnisse sein. In Moskau hatten wir ein Apartment gebucht, in Jekatarinburg Übernachtung ohne Frühstück. Somit mussten und konnten wir uns selbst versorgen. Wir wollten uns auf einfache Produkte beschränken. Brötchen, Milch, Butter, Käse, Wurst und Eier. Nutella hatten wir extra von zu Hause mitgebracht. Bei allen Artikeln kann man schon von außen erkennen, was drin ist. Die Milch gab es in der Version mit 1% bzw. 3% Fett. Käse und Wurst waren ebenfalls einfach. Schwierig wurde es bei der Butter. Doch auch hier konnte man sich an den Bildern auf der Verpackung orientieren. Dachten wir. Das Aha-Erlebnis kam am nächsten morgen. Wir öffneten die Milch, war diese bereits vergoren. Wir öffneten die Butter, handelte es sich um Schmelzkäse. Wie kann die Milch nach nur 1 Tag im Kühlschrank vergoren sein, fragten wir uns. Daraufhin haben wir doch Mal versucht, die Schrift zu entziffern. Und die Milch entpuppte sich als Kefir. Kann man auch trinken, aber zum Frühstück? 

Seit diesem Erlebnis lernen wir fleißig die kyrillische Schrift und machen große Fortschritte. Schon bei den U-Bahn- Stationen sind Kenntnisse der Schrift sehr hilfreich gewesen. Gerade wenn ein Wort viele Buchstaben enthält, welche sich von unseren unterscheiden oder gar damit beginnen, wären wir ohne unsere neuen Kenntnisse zumindest orientierungsloser. Dabei lesen wir wie ein Erstklässer Buchstabe für Buchstabe. Irgendwie witzig!

Trotzdem machen wir hin und wieder Fehleinkäufe. Ausgerechnet wieder für das Frühstück - diesmal in Jekatarinburg. Wir waren in einem richtigen Feinschmeckerladen einkaufen. Es gab bestimmt 100 verschiedene Törtchen zur Auswahl, jede erdenkliche Obstsorte und natürlich Wodka ebenfalls über 100 Sorten. Wir wollten uns jedoch auf Baguette zum Nutella beschränken. Vorbei an der leckeren Bäckereitheke packen wir also ein kleines Baguette ein. Am nächsten morgen wieder das Erwachen. Das Baguette war dick mit Knoblauch bestrichen. Passt nicht wirklich zu Nutella. Ironischerweise gibt es Nutella in jedem Laden, auch im handlichen 190g Glas.

Moskau Yaroslavskij Station - hier fing die Reise auf der echten transsibirischen Strecke an. Unsere erste Tour führt uns gleich von Europa über den Ural nach Asien. Beim Einstieg kontrolliertere die Schaffnerin Tickets und Pässe und wies uns unsere Betten zu. Das erste Mal hatten wir Mitfahrer: eine russische Tatjana Anfang 40 und einen sehr schweigsamen Herrn mit getönten Brillengläsern und - sorry dafür- Käsefüßen. Tatjana hat sich erstmal über alles aufgeregt und sich bei der Schaffnerin über die mangelnde Sauberkeit beschwert. Kurze Zeit später kam sie mit einem feuchten Lappen und hat Tisch und Fenster abgewischt. Dabei hat sie die ganze Zeit irgendetwas vor sich hingebrabbelt, wir haben es aber leider nicht verstanden.

Überhaupt ist das mit der Verständigung so eine Sache. Als die Schaffnerin uns etwas fragte, konnten wir sie nur fragend anlächeln. Da hat sie aus dem Nachbarabteil einen jungen Mann geholt, der übersetzen sollte. Ab da fing der Spaß an. Es stellte sie heraus, dass neben uns eine russische Studentengruppe aus Omsk "wohnte". Für die waren wir tatsächlich eine Attraktion. Plötzlich war unser Abteil belagert. Einer von den Studis konnte zumindest ein bisschen Englisch. So haben wir erfahren, dass die Truppe 8 Wochen im hohen Norden Russlands auf einer Öl- und Gasplattform von Gazprom gearbeitet und Geld verdient hat. Dann haben sie uns zu sich eingeladen und uns mit Gitarrenbegleitung russische Lieder vorgesungen. Wie man es sich vorstellt!

Interessanterweise haben sie uns zu Deutschland gefragt, warum es in unserem Land überall so sauber sei? Und das, nachdem wir hier vor ein paar Tagen gepostet hatten, dass in Moskau alles so herausgeputzt ist. Sie studieren etwas ähnliches wie Maschinenbau und wollen später Mal in der Automobilbranche arbeiten. Logisch, dass sie von deutschen Autos schwärmten. Zum Schluss mussten wir noch ein Autogramm auf der Innenseite ihrer Studentenuniform hinterlassen. Als Erinnerung hat Robert nun sogar ein Original Omski Studenski Shirt! 

Die Querung des Ural ist ganz unspektakulär verlaufen. Die Zugfahrt geht nur durch hügeliges Land, von Gebirge ist keine Spur. Eher durch Zufall haben wir daran gedacht, dass kurz vor unserem Ausstieg die Grenze zwischen Europa und Asien liegt und haben dann tatsächlich den Obelisken mit der Kamera eingefangen. Sonst hat sich aber niemand dafür interessiert.

Auf den Bildern ist unser Zug am Abfahrtsbahnhof, die Studentengruppe, stilechte Teegläser, der Samowar - eine Art Wasserkocher, der Grenzstein am Ural - leider etwas verwackelt, 

Vor ein paar Tagen ging die Meldung über den Ticker, Moskau schließt McDonald's Filialen. Wir sind dieser Meldung natürlich nachgegangen. Tatsächlich sind wohl 4 McDonald's Filialen geschlossen. Offiziell aus Hygienemängeln. Was wirklich dahinter steckt kann nur spekuliert werden. Eine der größten Filialen am Puschkinplatz ist jedenfalls abgesperrt, alle anderen, die wir gesehen haben, sind aber nach wie vor offen und erfreuen sich reger Beliebtheit. Selbst haben wir dort jedoch nicht gegessen. Im Bild die geschlossene Filiale am Puschkinplatz, sowie die geöffneten Filialen am Uliza Arbat und am Uliza Prokrowka.

 

Überall in Moskau stehen - laut Reiseführer - sogenannte Zuckerbäckerbauten aus der Stalinzeit. Zuckerbäckerbauten, Reiseführerdeutsch. Wie kommt es, dass in Reiseführern ständig Worte vorkommen, die sonst kein Mensch verwendet? Ähnlich wie pittoresk oder quirliges Treiben. Wahrscheinlich werden diese Worte auf diversen Fortbildungen für Reiseführerredakteure in Umlauf gebracht. Fortbildungen wie "Malerisch schreiben Teil 1", oder "Mit Worten Urlaubsfeeling erzeugen - Advanced ." In einer harmlosen Übung am Nachmittag des zweiten Tages - die Teilnehmer kennen sich vom Networking-Dinner des ersten Abends bereits etwas besser - sollen in einem Brainstorming "märchenhafte" Worte für Gebäude erfunden werden. Die Stimmung der Fortbildung und der Wein am zweiten Abend tun ihr übriges dazu. Nach der Schulung bleibt bei allen Teilnehmern nur dieses eine Wort hängen - Zuckerbäckerbauten.

Sieben dieser Zuckerbäckerbauten soll es in Moskau geben. Sie wurden im Auftrag Stalins im sogenannten sozialistischen Klassizismus erbaut. Es handelt sich um durchaus ansehnliche Hochhäuser oder riesige Gebäudekomplexe aus Stein, welche das Moskauer Stadtbild prägen. Vor dem Bau modernen Hochhäuser der letzten Jahre waren sie die höchsten und damit weithin sichtbaren Gebäude der Stadt. Das Gebäude des Aussenministeriums oder das zentrale Unigebäude gehören beispielsweise dazu. Sie dienten auch anderen Bauwerken als Vorbild, wie zum Beispiel dem Kulturpalast in Warschau. Auch wenn diese Bauten also auf jeden Fall in einem Moskau-Reiseführer erwähnt werden sollten, denkt man beim Anblick dieser sicher nicht an filigranes Zuckerwerk, eher an massive, wenn auch schöne Betonkunst.

Die ganze Zeit schon wollten wir über Warschau berichten, aber immer fällt uns etwas anderes, spannenderes, interessanteres ein. Vielleicht ist das bezeichnend für unseren Aufenthalt dort. Der Stopp war von Anfang an eher so nebenbei geplant. Im Gegensatz zu vielen anderen Orten haben wir uns nicht sonderlich darauf vorbereitet. Und so war es dann auch: nett, aber mehr eben nicht. Es liegt offenbar häufig doch an der Haltung, mit der man fremden Städten und Orten begegnet. Dabei ist die Altstadt wirklich wunderschön und aus einem Guss, da sie nach dem 2. Weltkrieg in großen Teilen anhand von Fotos und Gemälden wieder rekonstruiert wurde. Der große Platz als Eingang zur Altstadt beherbergt neben den zahlreichen Touristen natürlich auch die üblichen Gaukler: im Falle Warschaus einen rollschuhfahrenden Pandabär, einen Tennisspieler, eine Oma, die Kinder von ihren Luftballons zu begeistern versucht, und einen Opa, der alte polnische Weisen auf dem Akkordeon zum Besten gibt. Diesem Treiben haben wir sehr gerne zugesehen und häufig gefallen uns gerade die Orte am besten, die weniger groß, weniger aufgeregt und protzig daherkommen.

Doch bei der Transsibreise waren wir offensichtlich auf Größe und Prunk eingestellt. Seit wir in Moskau sind, laufen wir Staunend durch die Straßen und fühlen uns teilweise wie im Märchenland. Die Stadt ist so prächtig, so sauber, so herausgeputzt. In der Sonne glänzt und glitzert alles und eine goldene Kuppel ist längst nichts mehr besonderes. Moskau ist wirklich Großstadt.

Auf dem Weg nach Peking überqueren wir neben Flüssen, Länder- und Kontinentgrenzen auch einige für die Eisenbahn markante Wegpunkte. Einer der bedeutendsten davon liegt an der Grenze von Polen nach Weißrussland, die Grenze der Spurweiten. Während in Deutschland, Polen und den meisten Ländern der EU die Normalspurige (1435 mm) üblich ist, trifft man in Russland und den meisten Nachbarländern die russische Breitspur an. Kleiner Exkurs Eisenbahn-Bau und Betriebsordnung EBO $ 5: "Die Spurweite ist der kleinste Abstand der Innenflächen der Schienenköpfe im Bereich von 0 bis 14 mm unter Schienenoberkante (SO). Das Grundmaß der Spurweite beträgt 1.435 mm". Dass es diese unterschiedlichen Spurweiten gibt, war mir bewußt, nicht jedoch welchen Aufwand dies darstellt. In einer Halle auf weißrussischer Seite wurde unser kompletter Zug langsam und gleichmäßig hochgehoben. Wohlgemerkt, der komplette Zug nebst allen Reisenden, allen Wagen, Gepäck etc. Dies ging so langsam vonstatten, dass wir davon nichts gespürt hatten, lediglich der Abstand zum Hallenboden wurde zunehmend größer. Die Arbeiter, ca. 25 an der Zahl, haben den kompletten Unterbau und die Verbindungen zwischen den Wagen abgeschraubt. Daraufhin wurde unsere bisherigen Räder auf den alten Gleisen nach draußen geschoben und von der anderen Seite fuhr ein neues Fahrgestell ein. Unser Zug schwebte in der Zwischenzeit alleine über dem Hallenboden. Das neue Fahrgestell wurde mit den Wagen verbunden und nach ca. 1 1/2 Stunden war die Prozedur erledigt. Erstklassige Arbeit der Kollegen! Ein mulmiches Gefühl blieb trotzdem nach der Weiterfahrt. Und die Frage, weshalb nicht einfach die Reisenden in neues Wagenmaterial umsteigen. Das würde nur ca. 10 Minuten dauern und neben dem Standard-Zugpersonal wäre weiters niemand erforderlich. Der Menscheit ginge jedoch ein interessantes Spektakel der Ingenieurkunst verloren.

Auf den Bildern kann man die beiden Spurweiten zwischen den Wagen, die Zughebeeinrichtung und die Einstellungen, welche in unserem Abteil vorgenommen werden müssten, sehen.

Hello, are you Robert Hetterich? Bis mir diese erlösende Frage gestellt wurde ist ne Weile vergangen. Vom Bahnhof Belorusskaja ausgestiegen war die erste Schwierigkeit, an Geld zu kommen. In der Nähe gab es allerhand leckerer Bäckereien, Obststände, Apotheken, kleine Imbissbuden, Wettanbieter oder ähnliches, nicht aber einen normalen Geldautomaten. Ohne das nötige Kleingeld in der Tasche waren wir von all diesen Geschäften ausgeschlossen. Auch von einer U-Bahnfahrt. Erst nachdem wir vergeblich in drei verschiedene Richtungen gelaufen waren, hat sich Jana ein Herz gefasst und ist in Kontakt zu den Einheimischen getreten. In ihrer russisch-App hat sie das Wort Geldautomat nachgeschlagen. Sie ist auf einen nett wirkende Fensterputzerin zugegangen und hat sie direkt mit "Bankamat" angesprochen. Sie hat uns den Weg zurück gezeigt und wir haben was mit drei verstanden. Drei Straßenkreuzungen weiter hatten wir ihn dann auch gefunden. Mit 10.000 Rubel in der Tasche sind wir zur U-Bahn gelaufen. Ticket kaufen und Fahrt waren einigermaßen einfach, obwohl wir die russischen Schriftzeichen kaum entziffern konnten. Die Schwierigkeit begann nach dem Ausstieg aus dem U-Bahn. Wir haben nämlich kein Hotelzimmer sondern ein Apartment gemietet. Dass unser Apartment nicht bereits ab dem Kreml ausgeschildert ist war klar. Nur wer hatte ahnen können, dass wirklich nirgendwo auch nur ein einziger Hinweis auf diese Apartments zu finden ist. Als wir nach unserer Meinung die richtige Adresse erreicht hatten, haben wir verschiedene Leute angesprochen. Doch keiner kannte die Adrimi Apartments. Ein junger Mann hat uns sogar die Tür zu einem Haus aufgeschlossen ohne dass wir dort jedoch weitergekommen sind. Wir standen im Erdgeschoss im Treppenhaus eines Wohngebäudes, doch war hier kein Ansprechpartner. Jana hat sich dann auf die Suche gemacht. Als sie kaum weg war kam genau aus besagten Gebäude ein Mann auf mich zu und fragte: "Hello, are you Robert Hetterich?"

Schon oft sind wir ICE gefahren. Trotzdem war ich dieses Mal aufgeregt. Wir waren dann auch schon ca. 1/2 Stunde vor Abfahrt am Frankfurter Hauptbahnhof. Verrückt! Der Zug war pünktlich. Auch das Abkuppeln des hinteren Zugteils in Köln Deutz hat bestens geklappt. Fast eine langweilige Fahrt, wäre da nicht hinter uns diese Frau gesessen. Nicht dass sie nur sehr laut in ihr Telefon geschrieen hat. Sie hatte auch noch den Lautsprecher angeschaltet. Jeder konnte mithören, was ihr Mann Günter zu sagen hatte. Nicht viel. Nicht Mal ihren Namen hat er genannt. Sie dafür umso häufiger. Ihr Mann heißt Günter. Sie ist von Baden Baden nach Essen gereist. Hatte dort nen beruflichen Termin. In Frankfurt musste sie umsteigen - und wurde so zu unsrer Mitreisenden. Ein Turnschuhanschluss. Für alle Nicht-Bahner: Ein Anschluss, bei welchem der Reisende weniger Übergangszeit als die Mindestübergangszeit hat, um von einem ankommenden Zug in den abfahrenden Zug zu wechseln. Der Reisende - oder in unserem Falle die Reisende - muss sich also sehr beeilen. Obwohl sie nicht oft in Frankfurt umsteigt, also zur Gruppe der Nicht-Ortskundigen gehört, hat sie es geschafft. Leider! Die Telefon-Verbindung ist mehrmals abgerissen. Ihrs Sehnsucht nach Günter muss also groß gewesen sein. Die Anzahl der Tunnel "Das wird jetzt doch Mal der letzte Tunnel gewesen sein." hat sie sehr gestört. Zur Not hätte sie ab Essen Hauptbahnhof auch ein Taxi genommen, falls sie die S-Bahn nicht erreichen würde. Doch der ICE war pünktlich, überpünktlich. Sie hätte sich das Taxigeld auch nicht erstatten lassen - das Anstehen am Bahnhof ist ihr zu blöd. Brav. Sogar ab Düsseldorf hätte sie zur Not schon das Taxi genommen. Da wäre sie noch früher zu Hause gewesen. Hat sie aber nicht. Ein erleichtertes Stöhnen von Günter.

Wir haben unsere erste Nacht im Zug gut überstanden und ziehen ein positives Resümee. Zu Beginn der Reise hatten wir uns für ein Zwei-Bett-Abteil entschieden. Diesmal gab es also noch keine unliebsamen Schlafgäste. An das Rucken und Zucken des Zuges hatten wir uns schnell gewöhnt. Nur bei der einen oder anderen Weiche hatte ich Bedenken aus dem Bett zu kullern. Gut das ich unten lag. Ist aber auch so gut gegangen. Am Morgen hat uns unser Wagen-Schaffner mit frischem Kaffee und einem Croissant überrascht. Nach dem Frühstück haben wir die Betten umgebaut und die Sitze hervorgeholt. Wir konnten noch nicht mal annähernd alle unsere Utensilien für die Fahrt ausprobieren, da waren wir schon in Warschau angekommen. Es hat gerade mal für 100 Seiten in meinem ersten Buch gereicht. Irgendwie war die erste Fahrt einfach zu kurz.

Lange geplant, lange herbeigesehnt, jetzt ist endlich soweit! Um 20:10 Uhr steigen wir am Frankfurter Hauptbahnhof in den Zug. Gerade sitzen wir aber noch entspannt auf dem Balkon, wie ihr auf dem Foto erkennen könnt. Die Rucksäcke sind gepackt. Wir hoffen, dass wir nun auch wirklich alles notwendige dabei haben. Und wenn nicht: dann geht die Welt auch nicht unter. Morgen Mittag kommen wir - so die Bahn will - in Warschau an. Dann können wir von unserer ersten Nacht im Zug berichten. 

Neulich Richtung München saßen wir im ICE. Die Fahrt dauerte drei Stunden. Wir bekamen auch keine kostenlose Verlängerung der Fahrt. Nach einer Stunde in Würzburg war uns "langweilig". Wir haben uns angesehen und das gleiche gedacht. "Wenn uns jetzt nach einer Stunde schon langweilig wird, was sollen wir dann 56 Stunden lang von Jekaterinburg nach Irkutsk machen?"

Wir fahren ab heute tatsächlich insgesamt 8 Tage und Nächte Zug. Meist über Nacht und meist so ca. 24 Stunden. Die längste Strecke geht von Jekaterinburg nach Irkutsk - in Sibirien. Drei Nächte ohne Dusche, zwei volle Tage Leben im Zug. Wie das so wird ist für mich die spannendste Frage vor der Abfahrt. Wir haben viel Material dabei, Hörbücher, E-Books, Quizblock, Spiele etc. Aber eigentlich wollen wir uns ja gerade nicht die Langeweile totschlagen, sondern eine kleine Auszeit nehmen. Abschalten, runterkommen, entschleunigen. Im Zug Leben, eben. Die Langeweile "erleben". Mitreisende treffen, Wodka trinken, Stundenlang rausschauen. Mal sehen wie es wird.

Ich bin darauf am meisten gespannt.