• IMG_0144.JPG
  • IMG_0145.JPG
  • IMG_0148.JPG
  • IMG_0153.JPG
  • IMG_0154.JPG

Bislang war die Mongolei für uns ein ziemlich unbedeutendes Fleckchen Erde irgendwo in Asien. Doch wenn man sich die Lage dieses Landes anschaut, erkennt man einige weltpolitische Brisanz. Die Mongolei hat genau zwei Nachbarstaaten: Russland und China. Damit sind die Machtverhältnisse geklärt. Drei Millionen Mongolen können es wohl kaum mit diesen beiden Weltmächten aufnehmen. Die großen Nachbarländer haben sich bislang auch recht wenig um das Nomadenvolk geschert. Doch just rund um unseren Aufenthalt rückt das Land ins Interesse der Großen. Russland braucht neue Verbündete, da das Verhältnis mit Europa bekanntlich getrübt ist und es ganz banal auf der Suche nach neuen Fleischlieferanten ist. Und wenn sich der russische Präsident nach elf Jahren wieder mal in sein Nachbarland aufmacht, muss sich auch der chinesische Präsident sehen lassen. Ihm geht es dabei eher um Energie. Denn schließlich liegen in der Mongolei riesige Rohstoff-Vorkommen, die nur angesichts des Klimas schwer zu bergen sind.

Unsere Guide hat sich auf unserer Tour häufig darüber beschwert, dass sie doch nur ein Spielball der Großen seien. Putins Aufenthalt von sechs Stunden fand sie ziemlich lächerlich, auch dass er frisches Fleisch von den Mongolen abnehmen und 150 Tankstellen bauen wolle. Sie konnte die Russen jedenfalls nicht leiden, was sicherlich auch historisch bedingt sein mag. Die Mongolei hat unter dem Kommunismus gelitten. Erst mit dem Ende der Sowjetunion konnte sich das Land wieder eine eigene Identität aufbauen, die vor allem auf Dschingis Khan beruht. Er ist der Nationalheld, der von den Russen einfach verschwiegen wurde. Selbst im Geschichtsunterricht wurde er zu kommunistischen Zeiten aus den Büchern gestrichen. Auch wir waren überrascht, ob der Größe des mongolischen Reichs zu Zeiten Dschingis Khans und zu Christi Geburt. Zeitgleich zum römischen Reich hatte sich die Mongolen im Osten ein Reich mit ähnlichem Ausmaß erobert. Zu Ehren Dschingis Kahns haben die Mongolen in den vergangenen Jahren ein eigenes Museum mit einer riesigen Statue gebaut - irgendwo mitten in der Pampa. Auch schmückt Dschingis Khan das Eingangsportal des mongolischen Parlaments.

Die Mongolei definiert sich also aus Zeiten, in denen das Land über weite Teile des heutigen Russland und China geherrscht hat. Doch heute herrschen andere Verhältnisse, und genau diese Mächte interessieren sich plötzlich wieder für die Mongolei. Um genau nicht zum berühmten Spielball zu werden, sucht die Mongolei ihrerseits andere, neue Verbündete: Kanadische Investoren, die mit dem Klima sehr gut zurecht kommen, japanische Kontakte, welche die Mongolei als neutrales Urlaubsland in Asien und für gesunde Lebensmittel entdecken, oder auch die deutsche Industrie. Diese sind den Mongolen weitaus lieber, als die Großmächte Russland und China.

Die Weite eines Landes hatten wir schon während der Zugfahrt durch Sibirien erfahren. In der Mongolei kam die Stille hinzu. Wir haben uns bei Golden Gobi eine 3-tägige Tour ausgesucht und am Montag ging es los. Ein Auto, ein Fahrer, eine englischsprachige Guide, und wir zwei. Ziel war es, das Leben der Nomadenfamilien sowie die Landschaft kennenzulernen. Hat auch beides gut funktioniert.

Eine Nomadenfamilie, die tatsächlich mit den Tieren noch rumzieht, hat im Jahresverlauf meist vier verschiedene Plätze - für Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Hierfür wählt sie aber jedes Jahr die gleichen. Die Weite des Landes wird nicht durch den Staat reglementiert. Jede Nomadenfamilie kann lagern, wo sie möchte. Und jeder Mongole bekommt vom Staat auch ein eigenes Stück Land, wenn er das möchte. Kostenlos. Kein Wunder - die Regierung ist froh, wenn nicht alle nach UB kommen.

Doch das Leben der Nomaden ist längst nicht mehr so entbehrlich, wie man sich das vielleicht vorstellt. Ihre Zelte, die sogenannten Jurten, sind alle mit Strom ausgestattet, der entweder aus dem öffentlichen Netz kommt oder mit Sonnenkollektoren und kleinen Windrädern erzeugt wird. So können sogar Waschmaschinen mitten im Nirgendwo betrieben werden. Die geräumigen Zelte, in denen man problemlos stehen kann, sind einfach aber praktisch eingerichtet, teilweise gibt es sogar richtige Betten und Kommoden. Das Vieh wird mit einem Moped eingetrieben. Oft haben wir auch feste Lager gesehen, bestehend aus mehren Jurten und kleinen Häusern nebeneinander.

Nichtsdestotrotz ist das Leben einfach und teilweise beschwerlich, vor allem im Winter. Schon jetzt war es nachts ganz schön kalt, trotz des aus Mist entfachten Feuers. Was das Leben von unserem jedoch am meisten unterscheidet, ist der Tagesrhythmus, das Leben mit den Tieren. Und zwar tagein, tagaus das gleiche, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Kein Kino, kein Schwimmbad, kein Theater, nicht mal abends mit Freunden was trinken gehen. Und fließend Wasser gibt es natürlich auch nicht (d.h. Plumpsklo). Kein Wunder, dass es die aktuelle Elterngeneration häufig in die Städte zieht. Enkel bleiben meist mit den Großeltern auf dem Land. Die Kinder haben alle den Eindruck gemacht, als ob sie ihr Leben lieben, mal sehen, wie es in ein paar Jahren aussieht, wenn sie durch den Schulbesuch im nächstgelegenen Ort ein anderes Leben kennenlernen.

Die Ernährung ist tatsächlich geprägt von Hammelfleisch und sonstigen Produkten auf Milch-Basis aus eigener Herstellung. Es war aber definitiv besser als befürchtet ;-)

Die Landschaft rund um Ulan-Bator ist geprägt von Weidehügeln, Felsformationen, Wald, Schaf- und Ziegenherden, Kühen, Pferden und immer wieder vereinzelte Jurten. Von weitem sieht es häufig sehr wüstenähnlich aus, nur anstatt Sand handelt es sich eben um Gras. Was haben wir genau gemacht in den drei Tagen? Wir haben einige Hügel erklommen, Felsen bestiegen, buddhistische Klöster in der Einsamkeit besichtigt, Kühe gemolken, einen Pferdeausritt unternommen, mit unserem Guide Canasta gespielt. Und nachts der Stille gelauscht. Außer Pferdeschnauben war beim besten Willen nichts zu hören. 

Ulan Bator boooomt. In unserer Welt ist ja ständig alles im Wandel, die Medienindustrie, das Klima, ... Doch noch nie hat der Ausdruck "Eine Stadt im Wandel" für uns so zugetroffen, wie bei Ulan-Bator - von den Einheimischen und ab sofort auch von uns liebevoll UB genannt. Nicht nur gefühlt ist die Hälfte der Stadtfläche Baustelle. Vor rund 15 Jahren noch haben die Mongolen zum großen Teil in traditionellen Zelten, den sog. Gers gewohnt. Doch nun zieht es die Bevölkerung in die Stadt, denn hier gibt es Arbeit und mehr Komfort. Wobei sich auch das Leben auf dem Land stark verbessert, aber dazu später.

Die Einwohnerzahl von UB hat innerhalb kürzester Zeit die magische Ein-Millionen-Marke geknackt. Klar, dass da gebaut wird. Irgendwo müssen die Menschen ja wohnen. An allen Ecken werden komplett neue Stadtviertel hochgezogen. Es entstehen Bürohochhäuser, Wohnhäuser und Fabriken. Die Gers sind immer noch vorhanden, was dieses eigentümliche Stadtbild eines Miteinanders von Tradition und Moderne prägt. Meist wohnen darin aber nur noch die Hausmeister und billigen Arbeiter zur Bewachung der modernen Bauten. Auf den Hügeln um die Stadt lebt die ärmere Bevölkerung in einfachen Hütten.

Die Infrastruktur ist angesichts der Menschenmassen schlicht überfordert. Die Straßen sind voller Menschen und Autos. Und zwar gleichzeitig. Auf einer Fahrt standen wir eineinhalb Stunden im Stau. Teilweise stehen an Kreuzungen die Autos in alle Himmelsrichtungen und keiner kommt mehr voran. Oft wird dann der Verkehr durch Verkehrspolizisten geregelt, damit es wenigstens irgendwie weitergeht, wenn auch langsam.

Eigentlich hat die Mongolei kein Platz-Problem. Das Land ist knapp fünf mal so groß wie Deutschland. Doch von den drei Millionen Mongolen wohnt nun knapp ein Drittel in der Großstadt UB. Es sei auch noch erwähnt, dass es in der Mongolei haargenau die gleichen Klamotten zu kaufen gibt, wie bei uns. Esprit, Comma, S.Oliver lassen grüßen. Und zwar zum gleichen Preis, natürlich umgerechnet in mongolische Tugrik. Klar, dass da die Einnahmen aus der Schaf- und Ziegenhaltung knapp werden.

Umsorgt sein - das trifft unser Gefühl bei Ankunft im Golden Gobi Guesthouse wohl am besten. Sofort nach der Zugeinfahrt in Ulan Bator um 5 Uhr morgens ist der Mentalitätsunterschied zwischen Russland und der Mongolei spürbar. Obwohl wir mit Golden Gobi zwar per E-Mail vorab in Kontakt standen, aber aus unserer Sicht nichts verbindlich vereinbart hatten, wurden wir gleich am Bahnhof abgeholt. Dort waren diverse Tourenanbieter und Gästehäuser direkt am Gleis vertreten. Die Probleme in Russland, wie wir vom Bahnhof zu unserer Unterkunft kommen, hatten sich in Luft aufgelöst.

Früh am morgen war schon Leben im Guesthouse. Wir bekamen Kaffee und Tee angeboten und auch gleich Frühstück. Im Herzen des Guesthouse ist ein Wohnzimmer mit Küche, in dem gleichzeitig auch der Schreibtisch der Managerin steht. Dort trifft man sich, unterhält sich, plant auf der Landkarte am Tisch Touren, regelt die Finanzen, fragt um Hilfe, bucht ein Zimmer und frühstückt. Nach einer Stunde im Guesthouse hatten wir schon mehr Kontakt zu anderen Reisenden als in ganz Russland.

Zum Guesthouse gehört das Organisieren und Durchführen von Touren in die komplette Mongolei. Daher ist Golden Gobi für viele Reisende die Basisstation für eine Tour. In jede Richtung, für jeden Zeitraum und für jede Anzahl Reisender ist eine individuelle Tour im Angebot. Alles geht. Nichts ist unmöglich. Wir haben das Gefühl, verstanden zu werden, welche Bedürfnisse ein europäischer Reisender hat. Auf die Nachfrage, wie wir zum Büro von unserer Zugticket-Agentur kommen, um die Fahrscheine nach Peking abzuholen, wird wie selbstverständlich angeboten, das für uns zu übernehmen. Ein Rundumsorglospaket. Hier fühlen wir uns wirklich wie zu Hause. Eigentlich schade, dass wir nur so kurz bleiben.

Kaum hatten wir unseren Besuch der Mongolei angekündigt, ist das Land auch für andere Größen der Weltpolitik interessant geworden. Innerhalb von nur drei Wochen waren der Chinesische Staatspräsident Xi Jinping, der russische Präsident Wladimir Putin und wir zu Gast in der Mongolei. Die anderen beiden wollten uns unbedingt zuvor kommen, wir waren aber am längsten da. Unsere Eindrücke der dreitägigen Rundreise sind vielfältig, wir werden sie morgen auf dem Weg nach Peking niederschreiben.