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Sie redet und redet und redet. Eine Stunde lang ununterbrochen. Ohne Punkt und Komma. Chinesisch. Es klingt wie auswendig gelernt. Rezitiert sie die chinesische Geschichte, den Tagesablauf oder Maos Manifest. Wir wissen es nicht. Wir werden es nie wissen. Den letzten und heißesten Tag unserer Reise widmen wir den Ming-Gräbern und der chinesischen Mauer. Um dorthin zu kommen, haben wir uns einer chinesischen Reisegruppe angeschlossen. Die mitteilungsbedürftige Frau ist die Reiseleiterin. Sie hat die Leute im Griff. Wir bekommen immer kurze extra Anweisungen auf englisch, dass wir auch bloß nicht die Abfahrtszeiten verpassen. Die Gruppe ist sehr diszipliniert. Die Sitzplätze im Bus werden automatisch von vorne her gefüllt. Kein Platz bleibt leer. Alle sind bei jedem Stopp überpünktlich zurück. Wir können immer früher abfahren als geplant. In jede Schlange reihen sich alle geduldig ein, ohne sich über Sinn und Grund Gedanken zu machen, zumindest lassen sie sich nichts anmerken. Das haben wir schon die letzten Tage beobachtet. Wenn von zwei Türen nur eine geöffnet ist, stellen sich alle brav an und drängen sich durch die schmale Öffnung, keiner versucht einen anderen Weg.

Zurück zum Ausflug. Die Ming-Gräber haben bei uns weniger Eindruck hinterlassen, die Mauer schon. Sie schlängelt sich steil über die Bergrücken, bietet einen pittoresken Anblick. Auch wir waren damit bei der meistbesuchten Sehenswürdigkeit der Erde. Sie war definitiv ein würdiger Abschluss dieser Reise.

Wir schlendern an einem malerischen See entlang, setzen uns in eines der Open-Air-Restaurants mit Blick auf das Wasser und essen eine Kleinigkeit. Danach laufen wir weiter und entdecken ein kleines Café mit einer Liveband. Wir überlegen, ob wir uns gleich nochmal setzen sollen, gehen aber erstmal weiter. Schon nebenan eine Kneipe mit ebenfalls Livemusik. Daneben ein Restaurant mit zwei Gitarristen und Sänger, dann ein Bistro mit einem Sänger am e-Piano. Um diesen See ist Kneipe, Cafe oder Restaurant dicht an dicht und in jedem, wirklich jedem Livemusik. Insgesamt weit mehr als 50. Und das alles sehr malerisch um einen See und den anschließenden Kanal. Wir waren jetzt den zweiten Abend dort und sind immer noch begeistert. Das hatten wir in Peking nicht erwartet. In Sachen Abendgestaltung gibts 100 Punkte.

Alles ist relativ. Das wissen wir seit Einstein. Die Zeit zum Beispiel ist nur in Kombination mit ihrem Ort gültig. Ändert sich der Ort, so ändert sich auch die Zeit. Auf unserer Reise durchfahren wir sieben Zeitzonen. Manche überqueren wir an Landesgrenzen, andere irgendwo in Russland. Genau wissen wir nur bei den Städten, zu welcher Zeitzone sie gehören. Deshalb wird innerhalb Russlands die Uhrzeit der Transsib immer in Moskauer Zeit angegeben. Kurzzeitig waren wir bei Erhalt der Tickets auch verwirrt, weil wir laut Fahrkarte in Irkutsk mitten in der Nacht losfahren sollten, aber eben nur nach Moskauer Zeit. Obwohl das Thema Zeit so wichtig ist, hatten wir vergessen eine analoge Uhr mitzunehmen, deren Zeit wir selbst beeinflussen können. Wir haben daher gleich in Warschau eine gekauft. Jana trägt sie an einer Kette um den Hals. Sie zeigt uns immer die Moskauer Zeit. Sie stimmt mit der Uhr im Zug und mit den Uhren an den Bahnhöfen Russlands überein, auch dort wird nämlich immer Moskauer Zeit angezeigt. Janas Handy haben wir verboten, sich selbstständig umzustellen. Es zeigt immer deutsche Zeit an. Roberts Handy bezieht die Uhrzeit aus dem Handynetz. Es stellt sich daher immer automatisch um. Wir nutzen es während der Aufenthalte in den Städten.

Jetzt könnte man meinen, wir fahren Richtung Osten und daher wird die Uhr kontinuierlich immer wieder eine Stunde nach vorne gestellt, sodass es immer zu einer ähnlichen Zeit hell und dunkel wird. Dem ist jedoch nicht so. Die Zeitzonen sind nämlich nicht nach der natürlichen Uhrzeit über die Erdkugel verteilt. Die nationalen Regierungen legen jeweils selbstständig fest, welche Zeitzone gelten soll. Natürlicherweise würde alle 15 Längengrade die Zeitzone wechseln. Innerhalb Russlands wechselten wir aber zum Beispiel vor unserem ersten Stopp gleich zwei Zeitzonen, womit es in Jekaterinburg wieder viel länger hell war.

Auf der Fahrt von Russland in die Mongolei und weiter nach China fahren wir nach Südosten. Also müsste sich die Uhrzeit weiter verschieben. Die Uhr wurde aber wieder eine Stunde zurück gestellt, wir haben jetzt also wieder eine Stunde weniger Zeitverschiebung zu Deutschland. China hat nämlich einfach im gesamten Land nur eine Zeitzone. Das führt dazu, dass ganz im Westen die Sonne nicht mittags, sondern erst am Nachmittag um 15 Uhr am steilsten am Himmel steht und es abends gemessen an der Uhrzeit drei Stunden länger hell ist. Und im Osten, wo Peking liegt, wird es im Vergleich zu Russland wieder viel früher dunkel.

Die Frage, wieviel Uhr ist es, war daher definitiv auf dieser Reise recht kompliziert und nur zusammen mit dem Ort eindeutig zu beantworten.

Der gemeine Traveller ist ein Individualist. Er möchte so viel wie möglich echtes Leben von weit entfernten Ländern einsaugen. Er verzichtet auf Komfort, übernachtet gerne im Freien oder in Gemeinschaftsunterkünften mit 8 Betten auf 10qm. Er hat eine große Kamera und hält damit vor allem Alltägliches fest. Er trägt Outdoor-Klamotten, häufig langen Bart und feste Wanderschuhe - auch in Städten. Er möchte sich nicht in seiner Landessprache unterhalten (außer englisch native speaker) sondern natürlich auf englisch. Er ist mit allen technischen Geräten ausgestattet. Er ist betont lässig unterwegs. Er berichtet ständig von seinen tollen ursprünglichen Erlebnissen, abenteuerlichen Grenzübergängen und Begegnungen mit Einheimischen. Einfachster Pfannkuchen mit billigster Marmelade schmecken ihm so lovely. Er ist stolz auf seine diversen Stempel in seinem Reisepass, würde das aber nie zugeben. Und... er geht uns so langsam auf die Nerven.

Die letzte Zugfahrt war das große Finale. Alles war geboten, was wir auf den bisherigen Fahrten erlebt hatten. Wir hatten eine spektakuläre Grenzüberschreitung mit viel sinnfreiem Aufenthalt inkl. diverser Passkontrollen. Der Zug wurde aufwändig und mit viel Krach umgespurt, zurück auf 1435mm Spur. Weil der Zug so lange war, wurde er dafür in drei Teile geteilt. Wir waren in der Mitte und konnten somit den anderen beiden Zugteilen beim Umspuren zusehen. Die Fahrt dauerte ordentlich lange, einen Tag und eine Nacht, insgesamt 28 Stunden.

Die Fahrt ähnelte dem Finale eines Schauspiels, weil viele Akteure wieder aufgetreten sind. Wir haben viele bekannte Gesichter aus unterschiedlichen Etappen wiedergesehen. Das liegt einfach daran, dass von Ulan Bator nach China nur zwei Züge pro Woche fahren. Wer also einen ähnlichen Zeitplan hat wie wir, muss diesen Zug nehmen. Der Zug ist voller Traveller aus allen Teilen der Welt. Dies ist die letzte Etappe der Transsib, danach zerstreuen sich alle in alle Himmelsrichtungen. Nur Mongolen oder Chinesen sind recht spärlich vertreten.

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Bislang war die Mongolei für uns ein ziemlich unbedeutendes Fleckchen Erde irgendwo in Asien. Doch wenn man sich die Lage dieses Landes anschaut, erkennt man einige weltpolitische Brisanz. Die Mongolei hat genau zwei Nachbarstaaten: Russland und China. Damit sind die Machtverhältnisse geklärt. Drei Millionen Mongolen können es wohl kaum mit diesen beiden Weltmächten aufnehmen. Die großen Nachbarländer haben sich bislang auch recht wenig um das Nomadenvolk geschert. Doch just rund um unseren Aufenthalt rückt das Land ins Interesse der Großen. Russland braucht neue Verbündete, da das Verhältnis mit Europa bekanntlich getrübt ist und es ganz banal auf der Suche nach neuen Fleischlieferanten ist. Und wenn sich der russische Präsident nach elf Jahren wieder mal in sein Nachbarland aufmacht, muss sich auch der chinesische Präsident sehen lassen. Ihm geht es dabei eher um Energie. Denn schließlich liegen in der Mongolei riesige Rohstoff-Vorkommen, die nur angesichts des Klimas schwer zu bergen sind.

Unsere Guide hat sich auf unserer Tour häufig darüber beschwert, dass sie doch nur ein Spielball der Großen seien. Putins Aufenthalt von sechs Stunden fand sie ziemlich lächerlich, auch dass er frisches Fleisch von den Mongolen abnehmen und 150 Tankstellen bauen wolle. Sie konnte die Russen jedenfalls nicht leiden, was sicherlich auch historisch bedingt sein mag. Die Mongolei hat unter dem Kommunismus gelitten. Erst mit dem Ende der Sowjetunion konnte sich das Land wieder eine eigene Identität aufbauen, die vor allem auf Dschingis Khan beruht. Er ist der Nationalheld, der von den Russen einfach verschwiegen wurde. Selbst im Geschichtsunterricht wurde er zu kommunistischen Zeiten aus den Büchern gestrichen. Auch wir waren überrascht, ob der Größe des mongolischen Reichs zu Zeiten Dschingis Khans und zu Christi Geburt. Zeitgleich zum römischen Reich hatte sich die Mongolen im Osten ein Reich mit ähnlichem Ausmaß erobert. Zu Ehren Dschingis Kahns haben die Mongolen in den vergangenen Jahren ein eigenes Museum mit einer riesigen Statue gebaut - irgendwo mitten in der Pampa. Auch schmückt Dschingis Khan das Eingangsportal des mongolischen Parlaments.

Die Mongolei definiert sich also aus Zeiten, in denen das Land über weite Teile des heutigen Russland und China geherrscht hat. Doch heute herrschen andere Verhältnisse, und genau diese Mächte interessieren sich plötzlich wieder für die Mongolei. Um genau nicht zum berühmten Spielball zu werden, sucht die Mongolei ihrerseits andere, neue Verbündete: Kanadische Investoren, die mit dem Klima sehr gut zurecht kommen, japanische Kontakte, welche die Mongolei als neutrales Urlaubsland in Asien und für gesunde Lebensmittel entdecken, oder auch die deutsche Industrie. Diese sind den Mongolen weitaus lieber, als die Großmächte Russland und China.

Die Weite eines Landes hatten wir schon während der Zugfahrt durch Sibirien erfahren. In der Mongolei kam die Stille hinzu. Wir haben uns bei Golden Gobi eine 3-tägige Tour ausgesucht und am Montag ging es los. Ein Auto, ein Fahrer, eine englischsprachige Guide, und wir zwei. Ziel war es, das Leben der Nomadenfamilien sowie die Landschaft kennenzulernen. Hat auch beides gut funktioniert.

Eine Nomadenfamilie, die tatsächlich mit den Tieren noch rumzieht, hat im Jahresverlauf meist vier verschiedene Plätze - für Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Hierfür wählt sie aber jedes Jahr die gleichen. Die Weite des Landes wird nicht durch den Staat reglementiert. Jede Nomadenfamilie kann lagern, wo sie möchte. Und jeder Mongole bekommt vom Staat auch ein eigenes Stück Land, wenn er das möchte. Kostenlos. Kein Wunder - die Regierung ist froh, wenn nicht alle nach UB kommen.

Doch das Leben der Nomaden ist längst nicht mehr so entbehrlich, wie man sich das vielleicht vorstellt. Ihre Zelte, die sogenannten Jurten, sind alle mit Strom ausgestattet, der entweder aus dem öffentlichen Netz kommt oder mit Sonnenkollektoren und kleinen Windrädern erzeugt wird. So können sogar Waschmaschinen mitten im Nirgendwo betrieben werden. Die geräumigen Zelte, in denen man problemlos stehen kann, sind einfach aber praktisch eingerichtet, teilweise gibt es sogar richtige Betten und Kommoden. Das Vieh wird mit einem Moped eingetrieben. Oft haben wir auch feste Lager gesehen, bestehend aus mehren Jurten und kleinen Häusern nebeneinander.

Nichtsdestotrotz ist das Leben einfach und teilweise beschwerlich, vor allem im Winter. Schon jetzt war es nachts ganz schön kalt, trotz des aus Mist entfachten Feuers. Was das Leben von unserem jedoch am meisten unterscheidet, ist der Tagesrhythmus, das Leben mit den Tieren. Und zwar tagein, tagaus das gleiche, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Kein Kino, kein Schwimmbad, kein Theater, nicht mal abends mit Freunden was trinken gehen. Und fließend Wasser gibt es natürlich auch nicht (d.h. Plumpsklo). Kein Wunder, dass es die aktuelle Elterngeneration häufig in die Städte zieht. Enkel bleiben meist mit den Großeltern auf dem Land. Die Kinder haben alle den Eindruck gemacht, als ob sie ihr Leben lieben, mal sehen, wie es in ein paar Jahren aussieht, wenn sie durch den Schulbesuch im nächstgelegenen Ort ein anderes Leben kennenlernen.

Die Ernährung ist tatsächlich geprägt von Hammelfleisch und sonstigen Produkten auf Milch-Basis aus eigener Herstellung. Es war aber definitiv besser als befürchtet ;-)

Die Landschaft rund um Ulan-Bator ist geprägt von Weidehügeln, Felsformationen, Wald, Schaf- und Ziegenherden, Kühen, Pferden und immer wieder vereinzelte Jurten. Von weitem sieht es häufig sehr wüstenähnlich aus, nur anstatt Sand handelt es sich eben um Gras. Was haben wir genau gemacht in den drei Tagen? Wir haben einige Hügel erklommen, Felsen bestiegen, buddhistische Klöster in der Einsamkeit besichtigt, Kühe gemolken, einen Pferdeausritt unternommen, mit unserem Guide Canasta gespielt. Und nachts der Stille gelauscht. Außer Pferdeschnauben war beim besten Willen nichts zu hören. 

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Ulan Bator boooomt. In unserer Welt ist ja ständig alles im Wandel, die Medienindustrie, das Klima, ... Doch noch nie hat der Ausdruck "Eine Stadt im Wandel" für uns so zugetroffen, wie bei Ulan-Bator - von den Einheimischen und ab sofort auch von uns liebevoll UB genannt. Nicht nur gefühlt ist die Hälfte der Stadtfläche Baustelle. Vor rund 15 Jahren noch haben die Mongolen zum großen Teil in traditionellen Zelten, den sog. Gers gewohnt. Doch nun zieht es die Bevölkerung in die Stadt, denn hier gibt es Arbeit und mehr Komfort. Wobei sich auch das Leben auf dem Land stark verbessert, aber dazu später.

Die Einwohnerzahl von UB hat innerhalb kürzester Zeit die magische Ein-Millionen-Marke geknackt. Klar, dass da gebaut wird. Irgendwo müssen die Menschen ja wohnen. An allen Ecken werden komplett neue Stadtviertel hochgezogen. Es entstehen Bürohochhäuser, Wohnhäuser und Fabriken. Die Gers sind immer noch vorhanden, was dieses eigentümliche Stadtbild eines Miteinanders von Tradition und Moderne prägt. Meist wohnen darin aber nur noch die Hausmeister und billigen Arbeiter zur Bewachung der modernen Bauten. Auf den Hügeln um die Stadt lebt die ärmere Bevölkerung in einfachen Hütten.

Die Infrastruktur ist angesichts der Menschenmassen schlicht überfordert. Die Straßen sind voller Menschen und Autos. Und zwar gleichzeitig. Auf einer Fahrt standen wir eineinhalb Stunden im Stau. Teilweise stehen an Kreuzungen die Autos in alle Himmelsrichtungen und keiner kommt mehr voran. Oft wird dann der Verkehr durch Verkehrspolizisten geregelt, damit es wenigstens irgendwie weitergeht, wenn auch langsam.

Eigentlich hat die Mongolei kein Platz-Problem. Das Land ist knapp fünf mal so groß wie Deutschland. Doch von den drei Millionen Mongolen wohnt nun knapp ein Drittel in der Großstadt UB. Es sei auch noch erwähnt, dass es in der Mongolei haargenau die gleichen Klamotten zu kaufen gibt, wie bei uns. Esprit, Comma, S.Oliver lassen grüßen. Und zwar zum gleichen Preis, natürlich umgerechnet in mongolische Tugrik. Klar, dass da die Einnahmen aus der Schaf- und Ziegenhaltung knapp werden.

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Umsorgt sein - das trifft unser Gefühl bei Ankunft im Golden Gobi Guesthouse wohl am besten. Sofort nach der Zugeinfahrt in Ulan Bator um 5 Uhr morgens ist der Mentalitätsunterschied zwischen Russland und der Mongolei spürbar. Obwohl wir mit Golden Gobi zwar per E-Mail vorab in Kontakt standen, aber aus unserer Sicht nichts verbindlich vereinbart hatten, wurden wir gleich am Bahnhof abgeholt. Dort waren diverse Tourenanbieter und Gästehäuser direkt am Gleis vertreten. Die Probleme in Russland, wie wir vom Bahnhof zu unserer Unterkunft kommen, hatten sich in Luft aufgelöst.

Früh am morgen war schon Leben im Guesthouse. Wir bekamen Kaffee und Tee angeboten und auch gleich Frühstück. Im Herzen des Guesthouse ist ein Wohnzimmer mit Küche, in dem gleichzeitig auch der Schreibtisch der Managerin steht. Dort trifft man sich, unterhält sich, plant auf der Landkarte am Tisch Touren, regelt die Finanzen, fragt um Hilfe, bucht ein Zimmer und frühstückt. Nach einer Stunde im Guesthouse hatten wir schon mehr Kontakt zu anderen Reisenden als in ganz Russland.

Zum Guesthouse gehört das Organisieren und Durchführen von Touren in die komplette Mongolei. Daher ist Golden Gobi für viele Reisende die Basisstation für eine Tour. In jede Richtung, für jeden Zeitraum und für jede Anzahl Reisender ist eine individuelle Tour im Angebot. Alles geht. Nichts ist unmöglich. Wir haben das Gefühl, verstanden zu werden, welche Bedürfnisse ein europäischer Reisender hat. Auf die Nachfrage, wie wir zum Büro von unserer Zugticket-Agentur kommen, um die Fahrscheine nach Peking abzuholen, wird wie selbstverständlich angeboten, das für uns zu übernehmen. Ein Rundumsorglospaket. Hier fühlen wir uns wirklich wie zu Hause. Eigentlich schade, dass wir nur so kurz bleiben.

Kaum hatten wir unseren Besuch der Mongolei angekündigt, ist das Land auch für andere Größen der Weltpolitik interessant geworden. Innerhalb von nur drei Wochen waren der Chinesische Staatspräsident Xi Jinping, der russische Präsident Wladimir Putin und wir zu Gast in der Mongolei. Die anderen beiden wollten uns unbedingt zuvor kommen, wir waren aber am längsten da. Unsere Eindrücke der dreitägigen Rundreise sind vielfältig, wir werden sie morgen auf dem Weg nach Peking niederschreiben.

An der Grenze von Russland zur Mongolei kamen wir vor allem an die Grenze unserer Geduld. Stundenlang passiert einfach nichts. Das ist etwas komplett anderes als einen Tag Zug zu fahren ohne sonst eine Aufgabe zu haben, weil man dann ja Zug fährt, etwas voran geht. Immer wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man den Zug sich bewegen. Es ruckelt, wackelt und macht Krach. Wir haben eine Beschäftigung - Zug fahren. Doch der Reihe nach.

Wir sind recht früh in Ulan Ude losgefahren, um 7:24 war bereits Abfahrt. Der Zug ist der bislang komfortabelste und er ist recht leer, weshalb wir ein Abteil für uns haben. Außer uns ist noch ein junges europäisches Paar, eine alleine reisende junge Frau und ein älteres deutsches Paar im Wagen, allesamt Touristen. Wir richten uns ein, frühstücken, planen die Fahrt. Die Wagenbegleiterin kommt mit einer Kiste in unser Abteil, sie möchte kleine Andenken an die Fahrt verkaufen. Sie ist hier halt einfach Mädchen für alles. Wir kaufen einen kleinen USB-Stick in Form eines Transsib-Wagens.

Nach fünf Stunden fahren wir in den russischen Grenzbahnhof Naushki ein. Die Toiletten wurden vor Einfahrt verschlossen. Jetzt wird unser Zug rangiert. Es folgt eine Passkontrolle und wieder wird der Zug rangiert, bis schließlich nur noch unser Wagen mit einem weiteren Wagen gekuppelt, jedoch ohne Lok, auf einem Gleis steht. Es regnet. Wir steigen aus und erkunden die Gegend ein bißchen, gehen schließlich in ein Geschäft und kaufen etwas essbares ein. Zurück im Zug warten wir ca. 1 Stunde und werden erneut kontrolliert. Jetzt passiert erstmal nichts. Wir warten. Nach einer Zeit werden wir zum dritten Mal kontrolliert und unsere Pässe werden eingesammelt. Wieder passiert nichts. Man muss dazu sagen, die Kontrollen dauern höchstens jeweils 1-2 Minuten. Sie sind uns willkommene Abwechslung. Wir spielen Karten, um die Zeit, des Nichtstuns zu überbrücken. Es hört auf zu regnen. Jetzt wird unser Gepäck kontrolliert, jedoch nur äußerlich. Wieder passiert eine zeitlang nichts. Nach insgesamt 4 1/2 Stunden am Bahnhof kommen die Zöllner mit den Pässen zurück, es wird richtig hektisch. Innerhalb einer halben Stunde bekommen wir unsere Pässe wieder, unser Abteil wird mit einem Rauschgifthund durchsucht und eine Zöllnerin hat die akrobatische Aufgabe, in jedem Abteil bis ganz nach oben zu klettern und auf der obersten Ablage nach Schmuggelware zu suchen. Danach wird wieder eine Lok vorgespannt, wir bekommen die Einreiseformulare für die Mongolei und fahren los. Nach fünf Stunden ohne Aufgabe müssen wir jetzt gleichzeitig die Formulare ausfüllen, aus dem Fenster schauen und fotografieren.

Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, besser als das Haus, welches wir vorher fünf Stunden lang angesehen haben. Wir fahren durch Hügel, vorbei an Seen, passieren kleine Häuschen und schließlich eine kleine Stadt. Wir sind am Grenzbahnhof der Mongolei, Suche Bator. Unsere Lok wird von den beiden Wagen getrennt. Danach passiert nichts. Nach einiger Zeit kommt eine Zöllnerin, nimmt unsere Pässe und die Formulare entgegen, bringt sie aber schon nach weniger als 10 Minuten wieder zurück. Es kommt ein Geldwechsler. "Rubel, Dollar, Euro", ruft er. Wir wechseln unsere restlichen Rubel in mongolische Tugrik. Der Kurs ist zwar 10 Prozent unter dem aktuell gültigen Wechselkurs, so haben wir in Ulan Bator aber sofort etwas Kleingeld. Jetzt ist eigentlich alles getan. Anders als auf der russischen Seite, wurden alle Formalitäten recht zügig erledigt. Danach passiert jedoch erstmal wieder nichts. Wir beschließen, nach draußen zu schauen. In unserem Wagen sind zwar die Türen verschlossen, weil wir auch an keinem Bahnsteig stehen, im Nachbarwagen sind sie jedoch geöffnet. Wir also nach draußen. Eine Lok fährt langsam in Richtung unseres Zuges, bleibt aber in ca. 100 Meter Abstand stehen. Es beginnt zu regnen. Sonst passiert nichts. Der Geldwechsler geht erneut in unseren Zug. Eine zweite Lok fährt auf dem Nebengleis an unseren Wagen vorbei. Alles ist still. Der Geldwechsler ist immer noch im Zug. So langsam wird es dunkel. Unsere Mitreisenden verlassen auch hin und wieder den Zug. Der Geldwechsler kommt jetzt auch wieder raus. Wir beschließen, noch etwas Euro in Tukrit zu wechseln. Ich gehe auf den Geldwechsler zu, Frage nach dem Kurs. Er holt sein Bündel Geldscheine aus seiner Tasche. Der Kurs läge bei 2000 Tukrit für einen Euro. Das ist mir zu schlecht. Er erklärt, dass der Kurs sehr stark schwankt, auch schonmal über Nacht, Trotzdem, das ist 20% unter dem Kurs, den ich vor zwei Wochen gegoogelt hatte. Ich frage nach. Bei 100 Euro könnte er nen besseren Kurs machen. 2100 Tukrit je Euro. Wir lehnen ab, weil wir in Ulan Bator sicher nen besseren Kurs kriegen. Da wir nicht auf den Geldwechsler angewiesen sind, haben wir eine gute Ausgangslage zum Handeln. Nach kurzer Diskussion, gibt er uns schließlich 42000 Tukrit für 20 Euro. Wir gehen wieder in den Wagen. Alle anderen sind ebenfalls wieder eingestiegen. Neben uns fährt ein Zug aus Richtung Ulan Bator ein. Es ist jetzt bereits richtig dunkel. Das Licht im Wagen ist die ganze Zeit aus, nur die kleinen Leuchten am Bett sind einschaltbar. Die Toiletten im Zug sind die gesamte Zeit geschlossen, sodass man nur an den Bahnhöfen gehen kann. Mit unserem Zug passiert weiterhin nichts. Am Nachbarzug werden die Bremsen kontrolliert. 20 Minuten später fährt ein weiterer Zug vorbei. Mit unserem Zug passiert immer noch nichts. Jetzt wird wieder rangiert. Es wird doch noch eine Lok vor die beiden Wagen gespannt. Unser Zug steht bereit. Es passiert aber Mal wieder nichts. Acht Stunden und 17 Minuten nach Einfahrt in den russischen Grenzbahnhof verlassen wir schließlich mit 10 Minuten Verspätung den Grenzbahnhof auf mongolischer Seite und setzen unsere Fahrt fort. Hätten sie nur Mal genügend Pufferzeiten einkalkuliert, wären wir jetzt pünktlich. Aber es muss eben immer alles schnell gehen.

Damit haben wir endgültig die Langsamkeit entdeckt

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Acht Stunden Zugfahrt liegen hinter uns. Von Irkutsk nach Ulan Ude. Acht Stunden - eine Kurzstrecke eben. Man hat es sich gerade erst häuslich eingerichtet, und damit meine ich nur das Nötigste, ist sie schon wieder zu Ende. Wir sind weder dazu gekommen, längere Zeit aus dem Fenster zu schauen, noch viele Fotos zu machen. Unsere Karten haben wir erst gar nicht ausgepackt. Ein bißchen lesen, ein kleines Mittagessen, nen Kaffee dazu die Reste eines Mohnzopfes, bißchen was schreiben, ein kleines Nickerchen, das war's. Weder das Gesicht der Schaffnerin ist uns vertraut, noch hatten wir die Gelegenheit, mit den Mitreisenden zu sprechen. An das Restaurant war gar nicht zu denken. Also eine Nacht braucht man schon, um mit dem Zug warm zu werden, das Rattern und Wackeln in die eigene Bewegungsabläufe zu integrieren und von sich selbst sagen zu können, man sei mit dem Zug gereist.

Wer an Sibirien denkt, denkt häufig an Schnee, Winter, Kälte und Eis. Interessanterweise ist das Leben auch bei über 20 Grad von den kalten Temperaturen geprägt, die hier den Großteil des Jahres herrschen. Straßencafés - Fehlanzeige. Draußen sitzen kennt man in Sibirien offensichtlich kaum. Klar, Tische und Stühle würden auch nur wenige Wochen gebraucht. Schade ist es trotzdem. Denn das Leben draußen ist für uns, und ich wage zu behaupten für viele Deutsche, doch der Inbegriff von Urlaub. Wir lieben südländisches Flair und einladende Cafés an den Straßenecken, von denen aus man das Treiben beobachten kann. Wir haben lange gerätselt, warum uns die sibirischen Städte lange fremd bleiben und meist erst auf den zweiten Blick begeistern, trotz schöner Häuserfassaden und Fußgängerzonen. Das Ergebnis: Die Städte sind winterfest, und eher nach innen gekehrt. Man muss sich anstrengen, um zu erkennen, hinter welcher Tür sich ein Restaurant oder Café verbirgt. Von außen ist nichts zu sehen, die Fenster sind mit schweren Stoffen verhangen. Wenn man sich hineinwagt, entdeckt man manchmal liebevoll eingerichtete und sehr gemütliche Ruheoasen oder auch ein volles, betriebsames Restaurant. Aber eben erst auf den zweiten Blick. Deshalb ist das hier auch kein erholsamer Urlaub, sondern eine aufregende Reise voller neuer Eindrücke. Für schöne Atmosphäre und Dolce Vita ist man in Italien oder auf der Berger Straße besser aufgehoben.

Irkutsk ist wie alle Städte Sibiriens noch nicht besonders alt. Wir sind auf zwei Stile von älteren Häusern gestoßen. Alte eher kleinere Holzhäuser aus den Anfängen der Stadt und größere prächtigere Steinbauten aus dem 19. Jahrhundert. Die Holzhäuser sind Zeugen der Geschichte, waren auch ehemals reich verziert, werden aber heute kaum mehr genutzt, bzw. sind sie gar dem Verfall Preis gegeben. Anders verhält es sich bei den zahlreichen reich verzierten Steinhäusern des 19. Jahrhunders. Sie verleihen Irkutsk sein heutiges Flair - das einer bürgerlichen, reichen Stadt mit viel Kultur, nicht so prächtig wie Moskau, nicht so geschäftig wie Jekaterinburg. Moderne Hochhäuser oder Stalins Zuckerbäckerbauten fehlen gänzlich. Kirchen gibt es auch in Irkutsk zu sehen, jedoch prägen sie das Stadtbild nicht so sehr wie in Moskau. Die Stadt hat gute Zeiten hinter sich und zehrt von dieser Architektur. Gerade in letzter Zeit wurde aber auch ein beträchtlicher Teil der Gebäude renoviert und erstrahlt in altem Glanz. So stehen Häuser gleichen Baustils in der renovierten Variante neben Häusern, wo Stuck und Verputz doch arg bröckeln. Man kann ihnen die Hoffnung, sie mögen doch auch bald an der Reihe sein, förmlich ansehen. Dazwischen fahren viele Kleinbusse und Straßenbahnen in alle Richtungen, welche eher zu den unrenovierten Häusern passen. Die Menschen auf der Straße jedoch wollen wohl mit ihrer Eleganz den alten Glanz der Stadt wiederbeleben.

Was der Stadt fehlt, zumindest jetzt im Sommer, sind Straßencafés, doch diesem Thema widmen wir nen eigenen Artikel.

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Der Baikalsee, der älteste Süßwassersee der Erde (über 25 Mio Jahre), der tiefste Süßwassersee der Erde (1642 m), das größte Süßwasserreservoir der Erde, die Hälfte des Jahres (von Januar bis Ende Mai ) zugefroren. Auch für uns war der Baikalsee von Anfang an ein Highlight unserer Reise. Die Superlative des Sees kann man jedoch nicht erleben. Das Alter, die Tiefe, die Menge an Süßwasser, die vielen Tiere im See, welche nur hier am Baikalsee vorkommen - all das sieht man nicht. Da der See nicht sehr breit ist und man ihn der Länge nach nicht überblicken kann, wirkt der See auch nicht besonders groß. Die Bootsfahrt auf dem See war auch aufgrund unseres englischsprachigen Guides sehr witzig, aber landschaftlich eher weniger spektakulär. Viel Wasser und Bäume am Ufer. Daher war der Aufenthalt für uns emotional kein wirkliches Highlight.

Erst durch den Besuch des Baikalmuseums konnten wir die Superlative erfahren und zumindest etwas erleben. Es ist zwar fast alles nur auf russisch beschrieben, doch durch diverse Aquarien mit vielen Fischen und der Baikalrobbe, einen simulierten U-Boot-Tauchgang bis an den Grund des Sees und das Mikroskopieren von Kleinstlebewesen haben wir interessante Eindrücke gewonnen.

Für Überraschung hat auch der in Reiseführern vielfach angepriesene Ort Listwjanka gesorgt. Er hat zwar nur 1500 Einwohner, gilt aber als touristisch am besten erschlossen. Aus unserer Sicht können wir jedoch sagen: Der Tourismus am See ist erst am entstehen. Es fehlt noch das Leben. Es gibt zwar bereits einige Übernachtungsmöglichkeiten, doch vielen Touristen sind wir nicht begegnet. Es fehlen ausgeschilderte Wege, größere Ausflüge wurden mangels Teilnehmer abgesagt und in den Cafés und Restaurants war nichts los. Daher trifft man witzigerweise auch immer wieder die gleichen Leute. Ein spanisches Paar hatte dasselbe Stammcafé wie wir, ein englisches Pärchen trafen wir bei der Bootsfahrt und auf der Suche nach einem schönen Blick über den See und auch den Holländerinnen aus unserem Zug sind wir wieder begegnet.

Auch wenn ganz Russland vom Baikal spricht, ist der See also noch ziemlich unberührt und wenig bevölkert. Die Sonnenuntergänge sind aber definitiv sehenswert.

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